Wenn man der Mensch, der man gerne wäre, noch nicht ist oder nicht sein kann | Wunschselbst, Alltag, Depression

Sonntag, 14. Januar 2018
 
Was mich seit längerem belastet, ist das Thema, durch die Depression nicht der Mensch sein zu können, der ich gerne wäre.
Wie wäre ich gerne? Ich wäre gerne voller Liebe und Positivität und hätte für jeden ein offenes Ohr und ein gutes Wort. Ich würde gerne Herzlichkeit und Offenheit ausstrahlen. Ich würde gerne morgens aufstehen, an meinem Studium arbeiten, eine saubere und aufgeräumte minimalistische Wohnung und ein aufgeräumtes Leben haben. Aber ich möchte viel Raum haben und nicht bis in die letzte Minute durchgeplant sein, sodass ich spontan sein kann. Ich würde gerne gesund essen und regelmäßig zum Sport gehen. Ich würde gerne mit meinen Freunden lachen und gemütlich zusammen sitzen und sich interessante Dinge aus dem jeweiligen Alltag erzählen können.
Schon, wenn ich das alles aufschreibe, fühle ich mich unwohl dabei. So als wäre diese Vorstellung nicht meine Vision eines Lebens, auf das ich hinarbeiten will, sondern ein Druckmittel gegen mich selbst.

Wie sieht mein Leben gerade wirklich aus? Das ist sehr unterschiedlich, je nach dem, wie es mir im jeweiligen Moment geht. Oder besser gesagt: je nach dem, wie schlecht es mir gerade geht.
Vielleicht beschreibe ich das mal kurz. Darunter kann sich nicht jeder etwas vorstellen, wenn ich sage "depressiv" und das äußert sich nicht bei jedem Menschen 100%ig gleich. Mich packt ein starkes Gefühl des Missfallens von allem. Fast nichts löst bei mir wirklich Freude aus. Ich lache oft nicht mehr über Witze, freue mich nicht mehr über glückliche Zufälle. Auf die negativen Dinge reagiere ich allerdings weiterhin und sogar recht stark, sodass diese Seite überwiegt und ich oft wegen irgendetwas am Boden zerstört bin. Ich spüre einen sehr starken Druck auf der Brust. Fühle mich oft lustlos und weiß nicht mehr, was ich in diesem Leben noch verloren habe (nein, ich bin nicht suizidal, falls das jetzt jemand befürchtet). Da mir die schönen Dinge keine Freude bereiten, weiß ich oft gar nicht mehr, was ich tun soll und was nicht. Ich habe keine Lust auf irgendwas, aber ebenfalls keine Lust auf nichts. Aber das Irgendwas kostet mich Energie, die ich zumeist nicht habe. Und dann diese Entscheidung dazwischen, wenn mich so wie so nichts anspricht... Ich weiß oft nicht mehr weiter und, wie ich damit nur fertig werden soll.
Also, wie sieht mein Leben aus, wenn es mir so geht?
Das gesunde Essen funktioniert ganz gut, allerdings sind meine Mahlzeiten recht unregelmäßig und oft mache ich mir erst was zu essen, wenn ich schon seit Stunden Hunger habe, oder ich habe keinen Appetit. Manchmal verschwindet mein Appetit mitten beim Essen. Zum Sport gehe ich ebenfalls, aber unregelmäßiger als sonst, da ich es nicht immer schaffe. Außerdem war ich in den letzten Monaten ungewöhnlich häufig erkältet, sodass der Sport flach fiel. Mittlerweile habe ich festgestellt, dass es am besten funktioniert gerade, mittags eine dreiviertel Stunde entspannt Ausdauersport zu machen. Danach habe ich recht viel Energie. Wenn ich 1,5 Stunden Sport mache, hat das meine Energie des Tages verbraucht.
Wann ich aufstehe, ist ganz unterschiedlich, aber wirklich morgens ist es meist nur, wenn ich morgens einen Arzttermin oder ähnliches habe. Meine Wohnung sieht recht chaotisch aus, allerdings habe ich in den letzten Tagen aufräumtechnisch eine ganze Menge geschafft, was toll ist (jetzt einmal bitte freuen, Nicole). Und ich bin, so weit ich kann, am Minimalisieren, sodass ich hoffentlich irgendwann nicht mehr genug Zeug für schlimmes Chaos habe. Ich merke schon in meiner Küche, dass dieser Plan wirklich aufgehen kann.
Ich kann gerade nicht viel lachen und keine tollen Geschichten aus meinem Alltag erzählen. Außerdem bin ich kein strahlender Menschen, der Liebe und Positivität weitergibt und nur so ausstrahlt. Tatsächlich bin ich gerade ein ziemlich trauriger Anblick. Blass, dunkle Augenringe, nach unten hängende Mundwinkel. Ich sehe ziemlich mitgenommen aus. Mein Ohr ist aber, soweit ich die Kapazitäten aufbringen kann, für jeden offen. Und auch wenn es immer ein gewisses Konfliktpotenzial gibt, tue ich mein bestes, um offen und herzlich gegenüber anderen zu sein.
Vielleicht ist das gar keine so schlechte Bilanz dafür, dass es mir gerade wirklich mies geht. Dies zeigt mir das Aufschreiben. Im Alltag sehe ich oft nur das, was ich nicht bin. Das möchte ich heute mit diesem Post verändern.
 
 
Wie würde mein Wunschselbst mit einem Menschen reden/umgehen, dem es so geht wie mir gerade? Mein Wunschselbst hätte ganz viel Mitgefühl für einen Menschen wie mich gerade. Es würde sich nicht denken, dass diese negative Person zu Hause bleiben soll, um bloß niemanden mit ihrer schlechten Laune anzustecken, sondern sich für alles freuen, was ich schaffe. Ich sollte mich immer wieder fragen: „Auf was kann ich stolz sein? Was habe ich schon geschafft und was schaffe ich jeden Tag?“ In mir steckt doch schon so viel Liebe, die ich an andere weitergebe, und das ist doch wunderbar. Und alles, was ich einmal sein möchte, ist doch schon längst in mir veranlagt. Ich habe die Fähigkeit, Liebe zu geben. Ich brauche sie nur schulen. Das ist nichts, das ich erst von außen aufnehmen müsste, oder, das mir gar unmöglich wäre, zu erlangen.
Es ist wichtig, meine Ressourcen zu sehen, und, meinen Fokus wegzulenken von dem, was mir noch fehlt auf meinem Weg. Das ist es: Ein Weg. Ich könnte, selbst, wenn ich jetzt nicht depressiv wäre, nicht mit den Fingern schnipsen und plötzlich wäre ich diese Person, die ich mir wünsche, zu sein. Ich werde immer mehr zu dem Menschen, der ich sein möchte. Es ist immer ein Weg dorthin und zwar ein steiniger! Persönliche Weiterentwicklung ist nicht immer schön oder leicht. Man geht durch viele Tiefs und stellt sich Anteilen von sich, die alles andere als angenehm sind. Es ist nicht der leichte Weg, aber es lohnt sich. Es geht nicht darum, dass ich schon möglichst weit auf diesem Weg bin, sondern, dass ich mich traue, ihn zu gehen. Ich muss das nicht alles heute schaffen. Es geht nicht darum, immer nur Hochs zu erleben, sondern durch die Hochs und Tiefs meines Lebens zu gehen. Und daraus das mitzunehmen, was es mitzunehmen gilt. Nur Hochs würden gar nicht ausreichen, um mich weiterzuentwickeln.
Und ich muss noch nicht wissen, wie genau der Weg zu meinem Ziel verläuft. Es sind gerade die unerwarteten Erfahrungen, aus denen ich lerne. Wenn ich schon alles geplant hätte und wüsste, wie es weitergeht, würde ich mich für so viele Erfahrungen verschließen.
Diese schlimme Depression ist eine der Erfahrungen, die ich nicht erwartet hatte, und, aus der ich lernen kann. Im Grunde soll mir, so sehe ich das, die Depression nur sagen, dass da etwas ist, an dem ich arbeiten soll. Dass da eine Wunde in mir ist, die noch nicht abgeheilt ist. Etwas, das ganz und gar nicht in Ordnung ist. Für mich ist die Depression primär eine Chance, zu wachsen. Nichts, was primär Leid verursachen soll. Das ist nichts, das mir immer bewusst ist, aber etwas, an das ich mich immer wieder erinnern sollte.
 
Ich bin ein Mensch, der gerade am Boden liegt. Wie würde dieses Selbst, das ich eines Tages sein möchte, mir raten, mit mir umzugehen? Es würde sagen, dass ich mich mit absoluter Liebe und Mitgefühl und frei von Erwartungsdruck behandeln soll. Es würde mir sagen, dass ich völlig in Ordnung bin, so wie ich bin. Gerade jetzt brauche ich diese Liebe. Gerade jetzt kann ich diesen Druck nicht gebrauchen. Gerade jetzt kann ich es nicht gebrauchen, mich abzuwerten. Warum sollte ich zusätzlich hart zu mir selbst sein, wenn das Leben schon hart zu mir ist? Das ist nichts weiter als der innere Kritiker (diese kleine gemeine Stimme in meinem Kopf, der ich nichts recht machen kann), der mir erzählen will, dass ich viel zu weit entfernt bin von dem, wie ich sein möchte. Aber dieser Stimme kann man es nie recht machen. Sie ist da. Aber ich kann versuchen, ihr nicht so viel Raum zu geben, indem mich immer wieder daran erinnere, was sie wirklich ist: nur eine Stimme in meinem Kopf, nichts Wahres. Alles was sie sagt, ist relativ.
 
Ich wünsche mir, ein Mensch voller Liebe zu sein. Aber wie soll ich voller Liebe sein, wenn diese Liebe nicht mal für mich selbst reicht? Wenn ich mich selbst nur zwinge, jemand zu sein, der ich selbst gerade noch nicht bin? Erst muss ich mir selbst genug Liebe geben, bevor ich vor Liebe nur so überschäumen und sie an andere weitergeben kann. Erst muss ich diesen Schmerz bewältigen, den mir die Depression aufzeigt, bevor ich wirklich geben kann. Der Schmerz wird nicht plötzlich verschwinden, wenn ich mir nicht erlaube, traurig zu sein. Er wird bleiben und ich werde ihn immer mit mir herum tragen. Selbst wenn ich mich fröhlich und liebevoll verhalte, werde ich, wenn ich in mich fühle, einen tiefen Schmerz spüren. Dann kann ich nicht authentisch sein und absolut von Herzen geben. Die Depression und der Schmerz sind die Hürde, die ich erst bewältigen muss, egal wie ich es drehe und wende.

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