Wertschätzend miteinander reden

Sonntag, 12. November 2017
 
Vor einigen Tagen hatte ich, als ich mich zum Meditieren hingesetzt habe, einen Moment, indem es plötzlich klick gemacht hat. Mein Leben lang habe ich es hingenommen, wenn andere mir wenig wertschätzende Äußerungen entgegen gebracht haben. Mein Leben lang konnte ich kleine Dinge, die mich störten, zumeist nicht ansprechen. Äußerungen, die herablassend bei mir ankamen. Äußerungen, mit denen andere mir zu verstehen gaben, dass sie mich nicht wertschätzten. Und sicherlich waren häufig genug Missverständnisse dabei. Sicherlich haben andere sich häufig nur etwas ungünstig ausgedrückt, ohne etwas in diese Richtung zu meinen. So lange ich geschwiegen habe, konnte ich das nie erfahren
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Warum habe ich nicht schon früher einfach mal den Mund aufgemacht? Ich konnte nicht. Ich saß wie versteinert da, darauf bedacht mir nicht anmerken zu lassen, dass mich etwas getroffen hatte. So wurde es mir vorgelebt. So wurde ich angehalten, darauf zu reagieren, wenn ich in der Schule gehänselt wurde. "Ignorier das." Wie oft habe ich diesen Satz gehört? Und wie oft habe ich Dinge ignoriert und die Starke gespielt, im Stillen getroffen? Hat es mich glücklich gemacht?
Lange Zeit dachte ich, es stünde mir nicht zu, mich zu beschweren, wenn mich eine Bemerkung stört. Wieso nicht? Den anderen habe ich dagegen zugestanden, mit mir auf diese Weise reden zu dürfen. Mir ist in diesem Moment, als ich meditierte, klar geworden, dass ich damit andere über mich stelle. Sie haben die Freiheit, sagen zu dürfen, was auch immer sie wollten, selbst wenn es mich verletzte, aber ich habe nicht die Freiheit, zu sagen, wenn mir etwas nicht passt. Aber andere Menschen sind genau so viel wert wie ich selbst. Nicht mehr und nicht weniger. Alle Freiheiten, die ich ihnen zugestehe, sollte ich auch mir selbst zugestehen.
 
Die andere Seite
Ich möchte hier auch über die andere Seite schreiben: die Art und Weise, wie man mit anderen Leuten spricht. Wie man seine Worte wertschätzend wählen kann. Das ist ebenfalls ein Thema, das mich seit Längerem beschäftigt. Mir und so ziemlich allen anderen Menschen ebenfalls ist es schließlich auch schon passiert, dass wir uns wenig wertschätzend gegenüber einem Mitmenschen geäußert haben. Vielleicht hat dieser Mitmensch nicht den Normen, wie jemand zu sein hat, entsprochen, die wir selbst haben. Vielleicht hatte er nicht die Interessen, die wir von anderen Menschen erwarten. Vielleicht war er nicht so gesellig wie andere Leute und wir haben ihm im Kopf direkt als langweilig abgestempelt. Diese ganzen Urteile gegenüber Menschen, wie schnell spiegeln sie sich in unseren Äußerungen wider? Viel zu schnell sagen wir Dinge, die wir, würden wir darüber genauer nachdenken, anders formuliert hätten.
 
 
Ich bin in den letzten Monaten oder Jahren, seit ich den Weg der Achtsamkeit gehe, dabei, mich mit Urteilen über andere auseinander zu setzen. Ich versuche, immer wieder zu erkennen, wie ich andere in eine kategorisiere oder Erwartungen und Werte, die ich selbst habe, auf andere anwende und sie abwerte, wenn sie dem nicht entsprechen. Ich könnte wirklich nicht behaupten, dass ich frei davon wäre. Wenn man das kann, dann entweder Hut ab - da ist jemand wirklich schon weit - oder aber, und das ist wahrscheinlicher, betrügt sich da jemand mächtig selbst. Vielleicht ist es letztlich auch einfach menschlich, das von Zeit zu Zeit zu tun. Aber wenn wir auf eine Person in unserem Umfeld immer wieder die gleichen Normen anwenden und immer wieder die gleichen Bewertungen machen, kann das irgendwann dazu führen, dass sich das ungewollt regelmäßig in unseren Äußerungen widerspiegelt.
 
Ich bin zum Beispiel selbst ein recht ehrgeiziger Mensch, der von sich selbst erwartet, sein Studium gut organisiert zu bekommen. Ich habe aber auch Leute in meinem Bekanntenkreis, die das Gegenteil von dem sind und oft deprimiert, weil ihnen das Studieren schwerfällt. Ich habe immer wieder gemerkt, dass ich an diese Menschen mit einer gewissen Haltung herangegangen bin und sich das auch in meinen Äußerungen widergespiegelt hat, was mir im Nachhinein oft leid tat. Im Grunde habe ich es gut gemeint und war etwas besorgt, aber dennoch hat es nicht in meine Welt gepasst, dass man deprimiert ist, weil einem etwas nicht gut gelingt, man sich aber nicht mehr anstrengt. Dabei ist es doch nicht so schwer - ich bekomme das ja auch hin. Nur weil ich etwas hinbekomme, heißt es aber natürlich noch lange nicht, dass es anderen Leuten eben so leicht fällt. Und ich bekomme andere Sachen nicht gut hin, die anderen Leuten leichtfallen. Zum Beispiel ist seit jeher mein Zimmer beziehungsweise heute meine Wohnung unordentlich. Und es gibt doch auch genug Menschen, denen es leicht fällt, Ordnung zu halten. Genau so fällt es anderen Menschen schwerer als mir, ihr Lernen zu organisieren. Und so etwas haben wahrscheinlich die meisten Menschen. Irgendetwas, das sie gut können, bei dem sie nicht nachvollziehen können, dass sich andere schwer damit tun. Aber wir sind alle anders und niemand ist besser oder schlechter.
 
Wäre eine Welt, in der wir uns gegenseitig mit unserer Andersartigkeit so annehmen, wie wir sind, nicht viel schöner? Eine Welt, in der wir uns gegenseitig positiv unterstützen und uns mit unseren Worten Wertschätzung entgegen bringen? Jeder von uns kann die Welt ein Stückchen mehr zu einem solchen Ort machen: indem er selbst damit anfängt, sich so zu verhalten.
 
Von Herzen,
eure Nicole
 

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